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3D-Scan als widerständige Praxis.

Justin Hoffmann, 2018

Der Hamburger Musiker Knarf Rellöm wusste es schon lange. Fehler sind einzigartig, irritierend, überraschend und spannend. „Fehler ist King“ nannte er sein legendäres Album aus dem Jahr 1999. Inzwischen zum elektronischen Musikproduzenten gewandelt, hat er das Herstellen von Fehlern inkorporiert und nennt sich „King Fehler“. Was man in der analogen Musik als Fehler oder falschen Ton bezeichnet, wird im digitalen Zeitalter „Glitch“ genannt. Der Begriff Glitch wurde im Bereich der Kultur zuerst in der elektronischen Musik im Umfeld von Techno verwendet und bedeutet ein digitales, zufälliges Störgeräusch. Gerade in der Clicks & Cuts-Strömung, die vor allem das Frankfurter Label Mille Plateaux repräsentiert, wird es häufig benutzt. Die arbiträren Klangergebnisse prägen den Sound zahlreicher Produzenten populärer elektronischer Musik wie Farmers Manual oder Oval.

Die bildenden Künstler Fabian Hesse und Mitra Wakil arbeiten ebenfalls mit Glitches, jedoch mit jenen, die bei Softwareprogrammen des 3D-Scans auftreten. Vergleichbar mit Sigmar Polke, der mit der Technik der Fotokopie so umging, wie man es im konventionellen Gebrauch gerade nicht machen soll, d. h. er operierte mit Verwischungen, Verzerrungen, Flecken etc., sind Hesse/Wakil an der außergewöhnlichen Formulierung des Glitchs interessiert. Gerade aus dem unperfekten, fehlerhaften Scannen entstehen Formen, die Mitra Wakil und Fabian Hesse beispielsweise für ihre zweiteilige Aluminium-Figurengruppe „Westpark-Clouds“ (2015/16) verwendeten – eine Figurengruppe auf einem Platz in München. Köpfe sehen wie aufgerissen aus, Gesichtsprofile werden in die Länge gestreckt. Körper wirken ineinander verwoben oder verschmolzen.

In ihrer Arbeitsweise beziehen sich Hesse/Wakil immer wieder auf künstlerische Bewegungen der 1960er Jahre. Die Situationistische Internationale erfand das „Dérive“, ein zielloses aber aufmerksames Umherschweifen in der Stadt. So unternehmen auch Hesse/Wakil Spaziergänge mit eingeschaltetem Scan-Gerät, die sie in Anspielung auf die Dérive-Aktionen dieser revolutionären Künstlerorganisation als „3Dérive“ bezeichnen. Sie nehmen dabei Situationen nicht mit dem Auge oder Kamera-Auge auf, sondern mit einem 3D-Scanner. Oder sie beziehen sich auf Fluxus-Scores, Handlungsanweisungen, die sie aufgreifen und mit dem 3D-Scanner aufzeichnen. Die Abläufe können dann als Filme abgespielt werden.

Vergleichbares gibt es wieder in der elektronischen Musik. Eine spezielle Form des Aufnehmens und Verarbeitens von Klängen aus der unmittelbaren Umgebung finden wir beim Multimediakünstler und Techno-Musik-Produzenten Robin Rimbaud, der meist unter dem Namen Scanner agiert. Er fängt nicht wie beim Field Recording einfach Geräusche ein, sondern speziell Funkgeräusche, die er mit einem Funkscanner empfängt. Diese Signale bilden wichtige Elemente seiner Tracks. Die Synthese verschiedener Scan-Quellen zu einer neuen Komposition, dies könnte auch im Bereich der bildenden Kunst zu einer gängigen Methode werden. Die technischen Möglichkeiten hierzu, das beweisen Fabian Hesse und Mitra Wakil, gibt es längst.