Jennifer Bork, 2017

Fabian Hesses Arbeitsgeräte sind vielfältig, seine Kunst ist von sichtbaren (Monitor, Screen, 3-D-Drucker, bunte Spulen mit Plastikfäden) und nicht sichtbaren Materialien (Software, Impulsübertragung, digitale Signale) gekennzeichnet. Kleine Plastikfiguren stehen auf einem Tisch, daneben eine große, metallene Maschine, welche unermüdlich aus heißen Plastikfäden einen Druckauftrag abarbeitet. Das Ergebnis ist ein Gebilde aus dünnen, teilweise schrill-bunten Schichten geschmolzenen Kunststoffs, das einerseits stabil und doch durch sein geringes Gewicht und seine lose erscheinende Verbindung auch fragil wirkt. Immer wieder ist der Druckkopf ins Leere gelaufen, der Faden abgerissen, haben sich Löcher und gespinstartige Strukturen gebildet. Der Produktionsprozess ist gekennzeichnet von Glitches. Glitch bedeutet übersetzt in etwa Störimpuls und, obwohl es auf mechanische als auch elektronische Medien angewandt werden kann, meint es immer eine Störung im System, die, oftmals nur für den Bruchteil von Sekunden, selbstreferenziell die Konstruktion oder Struktur des Mediums offenlegt. Dies geschieht durch eine Beeinträchtigung des Informationsflusses, z. B. durch eine zu schnelle oder zu langsame Übertragung. Einen der bekanntesten Glitches der Filmwelt thematisiert „Matrix“: Hier offenbart der Störfall für kurze Zeit nicht nur eine neue Wahrnehmung, sondern gleich eine alternative Realität. Während es im Film um die Aufdeckung einer hinter der Illusion verborgenen Wahrheit geht, manifestiert der Glitch üblicherweise erst einmal nur das gleichzeitige Vorhandensein verschiedener an den Wahrnehmungsphänomenen beteiligter Variablen. Das Medium löst sich in seinem eigenen Prozess auf. Die Erzeugung und Verstärkung von erratischen Prozessen finden in Fabian Hesses Werk an diversen Stellen statt: So verstärkt er die Fehler der Software des bildgebenden Scan-Verfahrens, das dem 3-D-Druck vorausgeht. Durch die Dopplungen oder Überschreibungen der Informationen entstehen fragmentarische oder monströse Körper, die gerade da wo sie mit der menschlichen Figur oder dem humanoiden Porträt zusammengebracht werden ihre Wirkung entfalten. Sicherlich auch, weil bildgebende Verfahren ausgerechnet in der Erforschung des Menschen eine so immense Rolle spielen und wir gerade in diesem Punkt eine enorme Angst vor realitätsverändernden „Fehlern“ entwickelt haben. Erst 2016 berichtete die Presse aufgeregt von einem „bug“ in der Software, welche die Ergebnisse von Magnetresonanztomographien (fehl)interpretierte und somit viele der bisherigen Erkenntnisse auf diesem Gebiet in Zweifel zog. Fabian Hesse nimmt solche Missverständnisse im Kommunikationsprozess nicht nur in Kauf, er verwendet sie als Material. So greift er immer wieder händisch in den maschinellen Prozess des Druckens ein, arbeitet die Fehlstellen oder das eigentlich unsichtbare Druckgerüst am fertigen Objekt bewusst heraus oder manipuliert die Software. Seine Arbeiten verkörpern damit auch einen wichtigen Punkt im Umgang mit den Themen Kopie und Individualisierung des Produktionsprozesses. Der österreichische Medientheoretiker Franz Thalmair verdeutlicht die Rolle des 3-D-Drucks im Bezug auf die Kunstproduktion so: „Es geht dabei weniger um die Anfertigung einzigartiger Erzeugnisse, sondern im Gegenteil, um die Produktion von Massenware – und zwar nicht wie bisher von Waren, die von industriellen Herstellern für die Masse der KonsumentInnen entworfen und produziert wurde, sondern um Waren, Erzeugnisse und Produkte, die auch von der Masse der KonsumentInnen für den Eigenbedarf individualisiert werden. An dieser Form von Selbstermächtigung arbeiten KünstlerInnen in einem postdigitalen Umfeld letztlich mit.“ Dies trifft auch auf Fabian Hesse zu, er ist nicht nur User von Open Source-Software, sondern entwickelt diese ebenfalls und speist sie zur freien Verfügung wieder ins Netz ein. Wissen wird bewusst demokratisiert. Was ursprünglich mal eine Utopie der gesamten Netzgesellschaft war, die gründlich gescheitert zu sein scheint, wie beispielsweise Evgeny Morozov 2011 in „The Net Delusion. How not to Liberate the World“ darlegt, hat sich innerhalb einer kleineren Community dennoch verwirklicht. Diese bleibt nicht mehr auf das Netz beschränkt, sondern trägt ihre Vorstellungen von unbeschränktem Austausch einer DIY-Kultur auch in den realen Alltag und begreift Technik explizit als eine soziale Technik. Sie bildet damit auch eine Antithese zur rein affirmativen Haltung der Geeks. Auf einem Beamer sind in einer animierten Pseudo-Präsentation Diagramme und Satzfetzen zu sehen, die Fabian Hesse aus Konzepten für Startups herausgezogen hat. Von ihrem Kontext isoliert wirken sie wie eine Parade aus Buzzwords, die Nachhaltigkeit und Partizipation als formelhafte Hülsen verwenden: „…natural composite materials… crowdfunding… think mobility…“ Mit Hilfe des 3-D-Druckers sind daraus kleine Kunststoff-Objekte in stylischen Neon-Farbkombinationen geworden, die teilweise sehr bewegt und dynamisch wirken, als wäre das noch flüssige Plastik an einigen Stellen ins Rutschen gekommen, ein ähnlicher Effekt wie er entsteht, wenn man ein Dokument noch während des Vorgangs vom Scanner nimmt. Die fließende Bewegung im Zusammenspiel mit den klar lesbar gedruckten Wörtern verstärkt den Eindruck von zufällig aus dem Wortstrom isolierten Satz- oder Wortfragmenten noch. Dieser Strom aus kleinen Informationseinheiten umgibt uns alltäglich und wir müssen uns die Bezüge sowie das Gefüge aus Verweisen und damit eine Sinnstruktur immer wieder neu erarbeiten, gelingt dies nicht entsteht ein disparates Rauschen. Mit diesem Rauschen spielen die Arbeiten, die Fabian Hesse oft beiläufig, fast lapidar präsentiert. Das Kunstwerk und die Technologie werden gleichermaßen entmystifiziert. Dies geschieht nicht in der großen Geste des Protestes oder Kritikers, sondern mit ganz selbstverständlicher Leichtigkeit. So scheint Fabian Hesse die Ernsthaftigkeit, die der Perfektionsanspruch der produktiven Maschine formuliert einfach nicht anzuerkennen. Durch seine fast spielerischen Eingriffe tritt die Maschine als „Mängelwesen“ in Erscheinung. Gleiches gilt auch für das entstandene Kunstwerk, er verfolgt keinen abgeschlossenen Werkbegriff, sondern verwendet Teile seiner Arbeiten immer wieder in anderen Zusammenhängen, verändert sie, stellt seine Vorstudien zu größeren skulpturalen Arbeiten als Werke aus und impliziert die Assoziation dieser kleinen Plastik-Figuren mit Nippes und Pop-Kitsch indem er sie beispielsweise mit Plastikblumen neu kombiniert. Die Gleichzeitigkeit und der nicht endende Prozess stehen dem linearen Verständnis eines Produktionsprozess an deren Abschluss das fertige Werk steht entgegen. Fabian Hesse ist kein Kunstproduzent. Er arbeitet nicht an einem Gesamtwerk, sondern erschafft einen Ideen- und Material-Pool, der immer wieder neu transformiert und weitergegeben wird.